Kunst als Spiel – wir haben uns das ernsthaft verdient!
In meinem letzten Beitrag lautete eine Zwischenüberschrift: “Spielen befreit”.
Diese Überschrift brachte mich auf den Gedanken, den Zusammenhängen zwischen Kunst und Spiel ein wenig nachzusinnen. Und wie das so ist, gab ich beide Begriffe zunächst in die Suchmaschine ein und erhielt – gar nicht so viel von dem, was ich erwartet hatte. Vor allem nämlich fand ich Beiträge zur virtuellen Welt und ihren künstlerischen Möglichkeiten sowie zur Thematisierung von “Spiel” in der Kunst. Beides aber stellte nicht das von mir Gesuchte dar. Ich hatte dabei nämlich eigentlich “Kunst als Spiel” im Sinn.
Aber klar – mir ging es natürlich vor allem ums – liebhabermäßige – Kunst-Machen; und ich dachte, es wäre klar, dass ein spielerischer Zugang zum Kreativen etwas beinahe Natürliches sei. Umso mehr erstaunte mich die doch recht magere Ausbeute (zumal der Gedanke ja so ganz neu gar nicht ist).
Nun ja – das scheinbar Selbstverständliche ist oft ein lohnendes Objekt der Hinterfragung: Ist es so, dass “Kunstmachen” häufig spielerisch erfolgt, erfolgen kann? Sollte es so sein? Und was meint denn eigentlich “Spiel”?
Was meint “Spiel” ?
Statt mich hier in einer langen Abhandlung zu verlieren, belasse ich es vorerst bei einem Ansatz, der nur auf Assoziationen zu meinem Begriffsverständnis rekurriert:
Spielen bereitet Freude. Spielen verfolgt keinen inhaltlichen Zweck. (Man kann den hinterher dranhängen, wenn man möchte. Man kann es aber auch lassen.) Spielen ist kreativ. (Ich denke da z.B. an ausgedehnte Abenteuerspiele von Kindern.) Spielen ist Ausprobieren, ist Experimentieren, ohne jedweden Erfolgszwang. (Sollte das vielleicht an erster Stelle stehen?) Spielen ist das Befolgen von Regeln sowie das Abändern derselben. Spielen ist assoziativ. Spielen ist aber auch Wettstreit. Spielen ist…
Und “Kunst machen”? Oder gar Kultur? (Was unterscheidet beides übrigens? Wie stellt sich das begriffliche Verhältnis dar?
Egal – auch das mag ich hier und heute nicht hinterfragen. Aber – ich greife voraus – auch das Philosophieren, das Nachsinnen und denkende Durchdringen von Zusammenhängen, kann spielerisch angegangen werden, sofern nämlich nicht angespannt nach Antworten gesucht oder eine ganz streng vorgegebene Methodik verfolgt wird, sondern einfach neues Gedanken- oder Sprachterrain beschritten und abgegangen wird. )
Spielerische Kunst als Kunst ohne Botschaft
Was nun die aufgeführten Charakteristiken von “Spiel” betrifft, so meine ich, dass all das Genannte auch mit dem Ausüben von Kunst in Verbindung gebracht werden kann, und dass es gerade ein zunächst spielerischer Zugang zu Kunst (und – sogar – Kultur) sein kann, der diese für Laien besonders attraktiv macht. (Mit einer kleinen Betonung auf “zunächst”… )
- Jaja, ich höre schon die Gegenstimmen, die da sagen, das sei ja wohl nicht der Zweck der Kunst (und der Kultur schon gar nicht), die doch kritisch sein müssten, und/oder anspruchsvoll und tiefsinnig, ästhetische oder aufklärerische Ziele zu verfolgen hätten und dergleichen mehr.
Das können sie ja auch. Aber ich plädiere dafür, sich gerade in heutigen Zeiten auch wieder mehr aufs freie, beglückende, experimentelle, maßstabsfreie Spiel einzulassen. Auf ein Spielen ohne Botschaft.
Warum wir das nötig haben
Wieso übrigens gerade in heutigen Zeiten? Weil uns heutzutage ohnehin schon so viel abverlangt wird an Ernsthaftigkeit, an Anpassung und Erfolgsorientierung, an Perfektion, lebenslangem Lernen und allerlei ungeahnten Kompetenzen, und weil wir von so vielen existenziellen Bedrohungen umgeben sind, dass es uns nur gut tun kann, wenn wir uns ein wenig spielend auf uns selbst und unser Miteinander rückbesinnen.
Und was wäre dazu besser geeignet als die Kunst? Besser als das (Improvisations)Theater-Spiel, das kreative Schreiben, das experimentelle Singen oder Malen…
Können wir nicht genau hier unseren Assoziationen freien Lauf lassen, können wir nicht hier ausprobieren, neugierig sein, tief ins Erleben eintauchen, uns unseren Gefühlen zuwenden, Gegenwelten schaffen?
Sollten wir das denn? Könnte es vielleicht gefährlich sein? Und bleibt bei diesem Zugang womöglich die Qualität auf der Strecke?
Bleibt Qualität auf der Strecke?
Ich denke nein. Vor allem dann nicht, wenn die Anleitung zum künstlerischen Spiel auf professioneller Basis geschieht, gegründet auf einem fundierten, nicht mehr allzu suchenden Überblick, der selbst schon viele Wege beschritten und Brücken gebaut hat.
Das Spiel ist ja ein “zunächst”, und aus diesem “zunächst” kann sich immer Neues herauskristallisieren. Noch strukturiertere Vorstellungen, konkretere Ziele, gesteigerte Konzentration und Tiefe. Der Wunsch, etwas Bestimmtes auszudrücken, präziser und einfach besser zu werden, dem Geschaffenen mehr Form zu verleihen.
Aber dies aus einem Gefühl der Freiheit und – hoffentlich – der Freude heraus und nicht aufgrund eines normativen “Muss”.
Ich würde mich freuen, wenn vielleicht noch mehr Lehrende den immer auch vorhandenen spielerischen Charakter von Kunst (und Kultur) sowie die möglichen Übergänge zwischen Experimentierfreude und anspruchsvollerer Ausübung hervorheben würden – wir haben es uns ernsthaft verdient.
Juni 11th, 2012 at 12:35
Spielenden Kindern sagte man früher oft: “Bald beginnt der Ernst des Lebens!” Dabei hatte der schon längst begonnen, denn Spielen ist ernst – aber nicht in dem Sinne, dass man es merkt wie bei Hausaufgaben oder gymnastischen Übungen im Sport.
Spielerisch sollte man im Gehirn die Pfade bahnen, die zu nutzen es sich lohnt. Damit sind Sympathie-Punkte verknüpft – mit dem Ernst des Lebens verbindet man Verantwortung, Mäßigung, Reife, ggf. noch Freude an der Pflichterfüllung, Zufriedenheit nach getaner Arbeit.
Spiel & Spaß – wir brauchen das! Über wie viele Stunden am Tag gerät das in Vergessenheit. Die Kunst erinnert uns daran! Wir brauchen nur Augen und Ohren dafür!
Juni 11th, 2012 at 12:47
Ja, Spiel ist ernst.
Und Ernst kann spielerisch – jedenfalls aber freudvoll und beglückend sein.
In meinem philosophischen Ideenheftchen wartet eine etwas gründlichere Untersuchung der beiden Begrifflichkeiten und ihrer wechselseitigen Durchdringung schon lange auf Umsetzung – sie muss aber wohl noch ein bisschen länger warten. (Der Ernst des Lebens lässt mich nicht…)
Ich hoffe, es ist rübergekommen, was ich mit dem spielerischen Ansatz in der Kunstausübung meinte….mangelnden Ernst jedenfalls nicht.
Ich freue mich auch über Ihren letzten Satz!
Lieben Gruß,
Sabine Pendl
Juni 25th, 2012 at 19:35
Spiel und Ernst – in der Tat ein interessantes Paar. Und das nicht nur in der Kunst, sondern auch für die so ernste Berufswelt. Ich denke dabei an meine Domäne, das Schreiben im Beruf. Wie mühsam wird es häufig empfunden – als lästige Pflicht, zu der das Handwerkszeug fehlt und die selten bewusst beherrscht wird. Einen großen Teil dieses Handwerkszeugs macht gerade das Spielerische am Schreiben aus. Wenn es darum geht, Ideen zu sammeln, überhaupt erst einmal ins Schreiben zu kommen, Schreibhemmungen zu überwinden. Von Kreativität oder kreativem Schreiben darf man vielen Berufstätigen natürlich nichts erzählen – das gilt dann als Pillepalle und unseriös, nicht ernst also und deshalb nicht anwendbar: “Wozu brauche ich das denn in meinem Job?”
Aber fast jeder, der einmal einfach ziellos drauflos geschrieben hat, ohne anzuhalten, sich auf den assoziativen Strom der Gedanken eingelassen hat, ist überrascht, welche Ideen plötzlich zutage kommen – “was in ihm steckt”. Oder kollektive Schreibspiele, in denen wirklich erstaunliche gedichtartige Gebilde entstehen. In solchen Momenten bekommen die Teilnehmer meiner Workshops vielleicht eine Ahnung davon, wie Kunst geht. Und sie merken auch, dass für eine sichere Beherrschung der Sprache, für das Treffen des angemessenen Tones, für die Wahl des präzisen Ausdrucks genau dieser spielerische Umgang mit der Sprache Voraussetzung ist. Insofern ist auch hier das Spiel ein “Zunächst”, wie Du es nennst, Sabine. Über das “Anschließend” vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt mehr …
Herzliche Grüße
Franziska
http://www.schreibflow.de
Juni 26th, 2012 at 11:04
Ich freue mich auf das anschließende “Anschließend.”
Übrigens hat die Buchseite gerade eben noch ein neues Buch zum Thema aufgenommen:
http://kukmal.org/Buchseite.html#Schreibdenken
Die Rezension wird demnächst noch ein wenig gekürzt, bzw. bekommt die Buchseite nochmal eine “Weiterlesen”- Sektion.
Aber sie ist deswegen so umfangreich geworden, weil ich genau solche Dinge so spannend und interessant finde. Hier – also auch beim kreativen Schreiben – treffen sich Improvisation und Entdeckungsfreude, Spiel und Ernst, Psychologie und Kunst….und sicherlich viele nette Menschen bei den entsprechenden Seminaren.
Viel Vergnügen, Selbsterkenntnis und Schreiberkenntnis dabei!!!
Juli 31st, 2012 at 08:59
Das Spielerische an der Kunst, am Schaffen ist ein interessanter Aspekt. Mich beschäftigt die Frage, wie wir an unsere ursprüngliche Schaffensfreude, die im Spielerischen immer enthalten ist, wieder anknüpfen können. Beim Arbeiten, im Alltag, beim Schreiben. Jeder hatte diese ursprüngliche Schaffensfreude. Sie geht verloren, wenn wir – als Kinder – zunehmend leistungsorientiert ausgerichtet werden, und es später dann einfach sind. Müssen wir dazu ein wenig verrückt werden? Kindlich, albern, schweifend statt brav, ernst, ergebnisorientiert? Ich glaube: Ja. Und nun die große Herausforderung: Wie trägt man diesen Gedanken in Unternehmen, in Organisationen, in denen alles höchst perfektionistisch, unter Druck, spielfrei organisiert und gestimmt ist? Ich bleibe dran an diesem Thema.
Viele Grüße, Ulrike Scheuermann